EIN BERICHT IN DREI AKTEN
Eine feste Gemeinschaft gibt Halt, schützt vor Einsamkeit, macht glücklicher und gesünder. Doch Zusammenhalt entsteht nicht einfach so von allein, auch nicht, wenn man nah beieinander wohnt. Es gehört eine Portion Offenheit und Neugier dazu, aufeinander zuzugehen und Bande zu knüpfen, gemeinsam etwas zu erleben, was zusammenschweißt. Ein sicherer Rahmen ist dafür viel wert, und manchmal braucht es sogar nur einen kleinen Stupser. Aber nur, wenn alle wollen... Ein Erfahrungsbericht in drei Akten.
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I. SNACKEN UND DUZEN
Alfred Strauch, Peter Drechsel und Barbara Säverin (v.l.n.r.) fanden nach Jahrzehnten beim Hausfest zum Du
Wir wohnen schon seit über vierzig beziehungsweise sechzig Jahren im gleichen Haus in der Südstadt. Viele der Bewohner hier kannten sich damals auch von der Arbeit im Hafen und bei der Reederei. Die Nachbarschaft war immer gut, man grüßte sich, man wusste, wer wo wohnte und was im Haus passierte, und manchmal gab es auch Feste. Trotzdem haben wir es nie geschafft, alle richtig zum Du überzugehen. Erst im Herbst 2022, als sich die WG mit einem Fest bei uns nach einer Strangsanierung für unsere Geduld bedankte, haben wir bei Pizza, Kaffee und Glühwein endlich Du gesagt. Wir verstehen uns sehr gut, aber insgesamt wird es im Haus leider immer anonymer, je mehr neue, vor allem jüngere Leute einziehen. Das ist nicht mehr wie früher, als man noch klingelte und sich bei den Nachbarn vorstellte. Die Stimmung im Haus ist gut, alle sind freundlich, auch die Kinder, aber man kommt höchstens mal kurz ins Gespräch, wenn man Pakete angenommen hat. Das ist vielleicht auch eine Generationenfrage. Die jungen Leute stellen sich nicht für einen Schnack mit uns auf den Balkon. Aber schade ist es schon, vieles bekommt man gar nicht mehr mit. Es wäre schöner, wenn es wieder mehr so wäre wie früher.
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II. MUSIZIEREN UND ENGAGIEREN
Hartmut Streichan ist WGSH-Vertreter in Graal-Müritz und singt im Shantychor „Luv un Lee“ – auch beim „Tag an Deck“
Ich bin seit über fünfzig Jahren dem Gesang verschworen, habe einen Singeclub geleitet, war Kulturleiter im Sanatorium in Graal-Müritz und bin seit 1984 Chormitglied. Außerdem war ich viele Jahre Herbergsvater. Die Musik und mit Menschen zusammen sein, das war immer wichtig in meinem Leben. Dafür engagiere ich mich auch gern ehrenamtlich, seit 2004 auch als Genossenschaftsvertreter. Ich finde das wichtig, beteiligt zu sein, und es macht mich stolz, der WGSH anzugehören. Mir imponiert, wie hier mit den Menschen umgegangen wird, wie man auf sie eingeht, immer ein offenes Ohr hat und versucht, ganz viel möglich zu machen. Das empfinde ich als sehr sozial. Dazu gehören auch Angebote wie die Mitgliederfahrten, wo ich schon mit war, und vor allem der „Tag an Deck“ auf dem Tradi jedes Jahr zur Hanse Sail. Da sitzt man an einem tollen Ort gemütlich bei Kaffee und Kuchen beisammen, guckt Schiffe und kommt ganz leicht miteinander ins Gespräch. Mit dem Shantychor habe ich schon viel gemeinsam erlebt, wir sind weit rumgekommen, bis in die USA. Aber es ist immer ein besonderes Ereignis und eine besondere Atmosphäre, wenn wir beim „Tag an Deck“ vor den Mitgliedern singen.
III. BEGEGNEN UND UNTERSTÜTZEN
Heike Wallis betreut die Begegnungsstätte des DRK im altersgerechten Wohnen in der Semmelweisstraße
Barrierefreie Wohnungen, Aufzüge, ein Hausnotruf – schon dank dieser Einrichtungen können sich alle Bewohnerinnen und Bewohner hier im Haus gut aufgehoben fühlen. Unsere Begegnungsstätte trägt in vielerlei Hinsicht zum Sicherheitsgefühl hier bei. Zum einen bin ich als Ansprechpartnerin vor Ort und kann bei Problemen helfen, höre zu, kann beraten, bei Alltags- und Behördengängen und vielem mehr unterstützen. Das gibt Halt. Zum anderen können die Menschen hier in unseren Räumen zusammenkommen. Wir haben wöchentliche Spiele- und Kaffeerunden, Nordic Walking, machen Ausflüge und verschiedene Feste im Jahr. Wer ein bisschen Gesellschaft möchte, ist hier sehr gut aufgehoben. Vor allem kann man sich hier in Ruhe kennenlernen, ein Vertrauensverhältnis aufbauen. In wenigen Häusern ist es so einfach, soziale Kontakte zu knüpfen. Aus dieser Gemeinschaft entwickelt sich wunderbare Nachbarschaftshilfe. Man trifft sich privat, feiert zusammen Geburtstag, kann jemandem den Schlüssel anvertrauen und passt aufeinander auf.
